Ein persönlicher Rückblick auf unser Seminar mit Prof. Harald Mante

„Ich weiß, dass ich nichts weiß“. Cool klingt dieses – so nicht richtig übersetzte – Zitat vor dem Hintergrund griechischer Philosophie. Als Grundsatz für fotografisch Schaffende taugt es nicht. Die richtige Übersetzung aus dem Altgriechischen hingegen „Ich weiß, als einer, der nicht weiß“, beschreibt die Durchschnittswirklichkeit  der Fotografenwelt weitgehend zutreffend. Die Teilnehmenden am Workshop: “Sehen und Gestalten” mit Professor Harald Mante  konnten ihre Selbsteinschätzung im Blick auf ihr Wissen, Nichtwissen, Halbwissen oder auch scheinbares Wissen, bereits am ersten Tag deutlich verbessern.

Harte Wissensfakten –  gibt es die überhaupt? Eine solche Skepsis wäre allein schon durch die optische Vorführung des Simultankontrastes überwunden gewesen. Tatsachen, eben deswegen,  weil belegt, begründet, wissenschaftlich fundiert, gab es jede Menge. Lässt das alles auf einen rein verkopften Zugang schließen?  Keineswegs! Das Erkennen, weil Wiederkennen des Bildinhaltes, mit der damit verbundenen emotionalen Reaktion auf die Bildaussage, wird schließlich mit jedem Foto „geliefert“ und angeboten. Und ist Anlass für die Aufnahme.

Die Gestaltungsaufgabe aber bleibt uns. Dafür haben wir uns viele Stunden Zeit genommen. Kamerabehängt wurde Thurnau erobert.  Die Erkenntnis der Protagonisten lautete: Ich sehe mehr, neu, anders, besser, genauer. Es konnten Motive begeistern, an denen sonst achtlos vorübergegangen worden wäre. Die Themenvielfalt beim Sammeln von Motiven für eine Serie war erstaunlich;  die Darstellung eines zeitlichen Ablaufs in einer Sequenz spannend. Die ausgedruckten Bilder wurden gemeinsam begutachtet und durch Professor Mante beurteilt.

Meisterhaft war sein Feedback. Es gab eine aufbauende Sachkritik, gewürzt mit viel Humor. Es wurde oft und herzhaft gelacht. Beeindruckend, wie der Professor bei der Auswahl der Bilder für ein Tableau zu einem Serienthema die Stärken und Schwächen der einzelnen Bilder würdigte. Noch mehr: Wie er bei der Selektion der Bilder um die Daseinsberechtigung jedes Einzelbildes rang. Gelohnt hat es sich immer. Dank seines angewandten Wissens und seiner jahrzehntelangen Erfahrung erstand jeweils ein interessantes Gesamtwerk. Hätte das Material dazu durch uns auch schon zu Beginn des Workshops so aufgenommen und präsentiert werden können? Höchst unwahrscheinlich!

Eine Einsicht, die auch auf Professor Mante zurückgeht, haben wir verinnerlicht: Das alles überragende Einzelbild (wann und wie oft gelingt uns das schon?) hat es in der Konkurrenz der Bilderflut  schwer. Beim Serienthema gilt:  „Gemeinsam sind wir stark“. Da hat auch einmal ein etwas schwächeres Bild eine gute Chance, als gelungen betrachtet zu werden. Und die Sequenz mit ihrer nicht austauschbaren Reihenfolge nötigt, bei der Sache zu bleiben.  Auch das ist gelegentlich sehr hilfreich. Fazit: Ich weiß als Nichtwissender wieder viel mehr. Genau das bringt mich weiter.
Hans Hager, Juni 2015

 

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